1. Gesprächskreis

1. UN Studies-Gesprächskreis mit Dr. Henrike Landre, Co-Chair der UN Studies Association

Welche Rolle spielen Persönlichkeiten in den Vereinten Nationen?

„Discursive Leadership“ und „Legitimtät“ – diese beiden Begriffe prägten die Diskussion des 1. UN Studies-Gesprächskreises zur Rolle des Generalsekretärs (GS) heute. Die Vorstellung von Dr. Landre war ein gelungener Auftakt für dieses neue Veranstaltungsformat der AG Junge UN-Forschung und ein guter Input für das im April stattfindende 2. Forschungskolloquium.

Als Grundlage der zweistündigen, äußerst facettenreichen Diskussion mit insgesamt zehn Teilnehmer_ innen präsentierte Dr. Landre zehn Thesen zur Rolle und Funktion des GS. Drei Punkte, die die Diskussion im Besonderen prägten, sollen an dieser Stelle zusammenfassend vorgestellt werden:

  1. Die Frage nach der historischen Vergleichbarkeit unterschiedlicher GS,
  2. der analytische Fokus auf Aspekte von hard und soft power und
  3. die Frage, ob der GS nur noch als Sachverwalter einer komplexen Organisation zu betrachten sei, oder ob immer noch ein moralisches Gewicht in die Wagschale der VN werfen kann.

Einen Vergleich zwischen den einzelnen Generalsekretären erachtete Dr. Landre als grundsätzlich problematisch. Die Entwicklung des Amtes sei stark durch jeweils vorangegangenen Amtsinhaber geschaffene Präzedenzen geprägt, auf welche der jeweilige Nachfolger aufbaue. Ob aus diesem Grund historische Vergleiche gänzlich abzulehnen seien, wurde in der Diskussion Frage gestellt und zumindest ein Vergleich zwischen direkten Amtsnachfolgern von den Teilnehmer_innen für möglich und sinnvoll gehalten.

Um die Rolle des GS systematisch zu analysieren, differenzierte Dr. Henrike Landre zwischen soft Power und hard Power. Dabei müssten seine soft und hard Powers je nach Situation, Funktion und Zielgruppe betrachtet werden. Persönliche Eigenschaften sollten als Ansatzpunkt zur Analyse gewählt werden. Hierzu zählten der Charakter, das Charisma und moralische Werte. Dr. Landre lehnte es daher ab, die Amtszeit eines Generalsekretärs unter nur ein Label zu fassen. Der GS müsse insgesamt in seinem Handeln stets an einer Balance arbeiten, um die nationalen Interessen nicht zu düpieren, aber auch um moralische, das heißt auf der Charta der VN basierenden, Werte zu repräsentieren.

Da Legitimation die (letzte verbliebene) Basis sei, auf welche sich die UNO stützen könne, sei eine der Hauptaufgaben des GS, auf eine Revitalisierung der UNO hinzuwirken.

Allein die unüberschaubare Anzahl der jährlichen Berichte des GS zeige, dass Themen oft nur noch verwaltet werden können. Wer welche Ideen in den Diskussionsprozess eingebracht habe, sei anhand der schieren Masse der beteiligten Akteure nicht mehr nachvollziehbar. Daher könne gar nicht mehr verlässlich gesagt werden, wo der Ursprung einzelner Normen liege, sondern nur, wer sie institutionell verabschiedet habe.

Vor diesem Hintergrund plädierte eine Teilnehmerin dafür, die Bereiche Monitoring und Accountability in den Fokus zu nehmen und die Rolle des GS genau hier zu verorten: Der GS sollte die jährlichen Berichte zur Erzeugung von Legitimität einsetzen. Doch dieser Blick auf den GS als Bürokraten bedeutete für Dr. Landre einen gewissen Bruch mit ihrer politikwissenschaftlichen Perspektive und der grundlegenden Frage, woher Normen stammen. Mit einem gewissen Bedauern befürchtete sie, dass die Rolle des GS, die in der Vergangenheit immer auch stark mit der Entwicklung von Visionen verknüpft gewesen sei, zunehmend über das effektive verwalten von Sachthemen definiert werde. Ob dies zu einer Herabstufung des Amtes führe, wurde kritisch diskutiert.

Aus diesem Grund werde „discursive Leadership“ die zukünftige Rolle des Amtes prägen, so Dr. Landre. Diese neue Form der Führung sei geprägt von einem Wirken in Netzwerken. In den VN werde der GS zunehmend zum“ information hub“ innerhalb der Netzwerke. Seine Rolle könne und müsse sich daher zunehmend zu der eines CEO (Chief Executive Officer), denn eines CAO (Chief Administration Officer) entwickeln.

Zum Image des GS erklärte Dr. Henrike Landre, dass dieses nicht einfach vorhanden sei, sondern auch immer benutzt werde und sich fortpflanze. Das Image habe wiederum einen großen Einfluss darauf, was innerhalb der UNO passiere. Entsteht ein Image erst dann, wenn der GS polarisiert? Dr. Henrike Landre bejahte diese Frage und wies auf die damit verbundene doppelte Wirkung hin. Medienberichterstattung entstehe durch Polarisierung, aber genau dadurch werde der GS als polarisierend wahrgenommen.

(Julia Biermann)

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Literaturempfehlung:
Paepcke, Henrike 2008: Die Rolle des UN-Generalsekretärs in den internationalen Beziehungen – das Verhältnis von Image und politischer Realität. In: Griep, Ekkehard/ Laggner, Benno/ Paepcke, Henrike/ Volger, Helmut/ Wittig, Peter 2008: Die Vereinten Nationen in den internationalen Beziehungen. 9. Potsdamer UNO-Konferenz am 28. Juni 2008. Potsdam: Universitäts Verlag, S. 23 – 41.

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