Aktuelle UN-Forschungsprojekte in Deutschland – Institutionen, Beispiele, Trends und Kooperationsmöglichkeiten

Patrick Rosenow

1. Institutionen und bisherige Arbeiten der deutschen UN-Forschungslandschaft

Trotz vieler Bemühungen in der Vergangenheit zur Systematisierung der UN-Forschungslandschaft in Deutschland, ist diese nach wie vor recht zersplittert. So existiert bislang leider keine aktuelle Übersicht über UN-Forschungsprojekte in Deutschland, die beispielsweise als Grundlage für einen interdisziplinären Austausch dienen könnte. Zwar gibt es bereits seit mehreren Jahren, initiiert vom Forschungsrat der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (DGVN) [1] und das Junge UNO-Netzwerk Deutschland (JUNON), immer wieder größere Anstrengungen, eine Übersicht über die in Deutschland geleistete UN-Forschung (Abschlussarbeiten, Forschungsprojekte) zu bekommen, diese müssten jedoch noch stärker genutzt, aktualisiert und öffentlich bekannt gemacht werden. Beispiele sind hier die recht umfassende DGVN-Datenbank für UN Studies (UN Studies Database [2]) sowie ein von der JUNON AG Forschung und Lehre durchgeführtes Evaluationsprojekt zur UN-Lehre an deutschen Universitäten in den Bereichen Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre, das auf der Fachkonferenz „UN Studies“ des DGVN-Forschungsrates vom 15. bis 16. Dezember 2006 in Berlin vorgestellt wurde. [3] Darüber hinaus schreibt der DGVN-Forschungsrat seit 2009 in zweijährlichem Rhythmus einen Dissertationspreis aus, mit dem herausragende Abschlussarbeiten und ihre Forschung im Bereich der Vereinten Nationen ausgezeichnet werden. Auch soll dieser Preis die hohe Qualität der deutschen UN-Forschung in den Blick der Öffentlichkeit rücken und dazu motivieren, die Forschung durch ausgezeichnete Dissertationen voranzubringen. Mit dem Preis besteht die Möglichkeit der Veröffentlichung in der Reihe “The United Nations and Global Change” des Nomos-Verlags. [4]

Neben dem Engagement der DGVN und von JUNON existiert in Deutschland seit 1999 der Forschungskreis der Vereinten Nationen an der Universität Potsdam, der von UN-Forschern gegründet wurde und ein informeller Zusammenschluss aller derjenigen ist, die sich für eine bessere Kooperation in der deutschsprachigen Forschung über die Vereinten Nationen und ihrer Sonderorganisationen einsetzen. [5] Seine Aufgaben sind laut Website u.a. die Information über UN-Themen durch E-Mail-Rundschreiben und die Website, der Aufbau einer Adressdatenbank von UN-Experten für die Zusammenarbeit mit Fachjournalisten unterschiedlicher Medien, die Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit vor allem zwischen Politikwissenschaftlern und Völkerrechtlern in der UN-Forschung, sowie der Dialogs mit den UN-Praktikern. Von den UN-Praktikern, d.h. den in den Vereinten Nationen Tätigen, erhofft sich der Forschungskreis Fragestellungen aus der Praxis für die Forschung zu erhalten und ihnen andererseits Forschungsergebnisse als Hilfen für ihre praktische Arbeit zu vermitteln. Zuletzt gehört ebenfalls die stärkere Systematisierung der deutschsprachigen UN-Forschung durch Konferenzen zu UN-Themen sowie zur Situation der UN-Forschung (thematische Ausrichtung, personelle Situation, Curricula der Universitäten) und die Publikation der Konferenzreferate zu den Zielen des Forschungskreises. [6] Auch hier zeigt sich, dass vieles bereits in Deutschland zur Koordination der UN-Forschung existiert; es ist jedoch nicht immer jedem bekannt und unterliegt starken Schwankungen, was die Beteiligung und Aktivität betrifft. So trifft sich der Forschungskreis Vereinte Nationen seit 2008 leider nur noch im zweijährigen Rhythmus; die letzte Konferenz fand 2010 in Potsdam statt.

Bisheriger Höhepunkt für die deutsche UN Studies-Landschaft war die 2008 in Bonn veranstaltete Jahresversammlung des Academic Council on the United Nations System (ACUNS). ACUNS ist ein internationales Netzwerk von Akademikern und Praktikern mit Schwerpunkt auf den Vereinten Nationen. Das Konferenzthema der ACUNS-Jahresversammlung lautete “The Role of the UN in the Global Development Architecture” und widmete sich damit erstmals in der ACUNS-Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit. In Workshops und Panels wurden zentrale Themen wie Sicherheit und Entwicklung, Klimawandel, Migration und Friedenssicherung, internationaler Handel und ausländische Direktinvestitionen erörtert. Über 350 Teilnehmer aus Wissenschaft und Praxis nutzten die ACUNS-Jahresversammlung, um sich über analytische Ansätze und politische Strategien zur Bearbeitung der globalen Herausforderungen auszutauschen und neue Netzwerke und Partnerschaften aufzubauen. [7]

Ein Blick auf die bisher relevanten deutschsprachigen Publikationen zum Thema UN Studies zeigt, dass zwar immer wieder Bestandsaufnahmen durchgeführt, jedoch ebenso gebetsmühlenartig der Mangel an Koordination beklagt wurde. So beschäftigt sich beispielsweise die Ausgabe der Blauen Reihe der DGVN Nr. 95 bereits 2006 mit der UN-Forschung in Deutschland. [8] Eine umfassende Bestandsaufnahme mit Empfehlungen zum Umgang und Forschungszugang der UN Studies bietet das von Prof. Dr. Manuel Fröhlich herausgegebene Buch “UN Studies” von 2008. [9] Helmut Volger spricht sich in seinem Beitrag für den Aufbau einer zentralen Dokumentations- und Bibliographiestelle für die UN-Forschung in Deutschland aus. [10] Seit dieser Zeit wurde jedoch nur wenig zur Fortführung der Debatte über UN Studies unternommen.

Diese Bestandsaufnahme nahm die JUNON AG Forschung und Lehre zum Anlass, um gerade beim wissenschaftlichen Nachwuchs die Diskussion über UN Studies wieder anzustoßen, neue Impulse zu geben und Überlegungen der Weiterentwicklung anzustellen. Die in Deutschland bereits vorhandene Infrastruktur in Form von Institutionen (neben Lehrstühlen/Professuren an Universitäten auch geeignete informellen Foren) und hervorragende Publikationen sind gute Ausgangsbedingungen, um den Stein erneut ins Rollen zu bringen. Zur beispielhaften Veranschaulichung dessen, was in Deutschland für UN-Forschung betrieben wird, wurden während des Forschungskolloquiums zwei Forschungsprojekte, zum einen von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und zum anderen von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, vorgestellt. Hier ist jedoch anzumerken, dass auf die Forschungsprojekte nicht inhaltlich eingegangen wurde, sondern vielmehr die grundsätzlichen Möglichkeiten der UN-Forschung mit der Präsentation veranschaulicht wurden.

2. Zwei Forschungsbeispiele

Das erste Projekt, “Theorie internationaler Organisationen und der Weltsicherheitsrat”, des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg beschäftigt sich laut Website mit der Rolle des Sicherheitsrates in den Internationalen Beziehungen. Prof. Dr. Thomas Gehring und sein Team untersuchen und konzeptionalisieren den Sicherheitsrat mittels eines organisationstheoretischen Ansatz und betrachten ihn dabei als eigenständige internationale Institution mit autonomen Folgewirkungen. Das Projekt soll zudem zur Entwicklung einer relevanten Theorie zu internationalen Organisationen beitragen, welche die autonomen Wirkungen dieser Einheiten systematisch erfasst. [11] Sie untersuchen dabei auch, inwieweit der Sicherheitsrat “Entscheidungsdoktrinen” herausbildet und forciert. Der Projektzeitraum beträgt drei Jahre (April 2011 bis März 2014); die drei Untersuchungsbereiche sind Interventionen in innerstaatlichen Konflikten, Maßnahmen gegen den internationalen Terrorismus sowie Doktrinbildung im Völkerstrafrecht. [11]

Das zweite Projekt, “Project Peacemaker – Zur Rolle der Sondergesandten des UN-Generalsekretärs in der Friedenssicherung”, der Professur für Internationale Organisationen und Globalisierung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena beschäftigt sich mit der Rolle der Sondergesandten des UN-Generalsekretärs (SRSGs). Im Jahr 2008 untersuchte Prof. Dr. Manuel Fröhlich dazu zunächst erst einmal die Rolle der SRSGs in der Friedenssicherung im Rahmen einer systematischen Aufbereitung. Ziel war es auch, deren quantitatives Wachstum, ihr Mandat und Profil nachzuzeichnen sowie die so gewonnenen Erkenntnisse in eine Typologie dieses Akteurtyps der internationalen Beziehungen zu überführen. Denn bislang wurden sie in der Forschung noch nicht ausreichend als eigenständige Akteure ausreichend untersucht. [12] Das Folgeprojekt “Individual and International Leadership – The Special Representative of the UN Secretary‐General and the Maintenance of International Peace and Security” ist auf zwei Jahre angelegt (2011 bis 2013), entwickelt die Akteursrolle in der Friedenssicherung, deren Ressourcen, die Möglichkeiten und Grenzen der SRSGs weiter und nutzt die bisherige SRSG-Datensammlung als Grundlage.

3. Trends

Bei einem Blick auf eine kleine Auswahl aktuell laufender Forschungsprojekte zeigt sich insgesamt, dass es erfreulicherweise eine breite mit unterschiedlichen Ansätzen verknüpfte Forschungsprojekte-Landschaft zum Bereich UN Studies in Deutschland gibt. Neben strukturfunktionalen Ansätzen (Universität Bamberg oder auch der Universität Konstanz im Bereich der Organisationsforschung [13]), gibt es auch akteursorientierte Ansätze (Universität Jena) oder beide Ansätze (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg [14]). Auffällig ist, dass hier immer wieder die gleichen Namen zum Thema UN-Forschung fallen: Manuel Fröhlich, Sven Gareis, Andrea Liese, Volker Rittberger, Johannes Varwick, Helmut Volger – das sind nur wenige genannte der renommierten UN-Forscher in Deutschland, die sich mit der Weltorganisationen wissenschaftlich beschäftigen und die Forschung vorantreiben. Hier wäre ein noch näherer Austausch für die Perspektive UN Studies wünschenswert. Denn auch im Rahmen von Forschungsprojekten ermöglicht eine Interdisziplinarität eine sicher für alle Beteiligten gewinnbringende Perspektive.

4. Kooperationsmöglichkeiten für die JUNON AG Forschung und Lehre

Während der Diskussion über die Kooperationsmöglichkeiten verschiedener Fachrichtungen im Bereich UN Studies, sprachen die Teilnehmer zunächst darüber, wie sinnvoll überhaupt eine Kooperation sei und ob dies überhaupt notwendig sei. Zwar gibt es immer wieder Anstrengungen, dass neben der Politikwissenschaft auch andere Disziplinen über die Vereinten Nationen publizieren sollten, um neue Perspektiven auf die Weltorganisation zu erhalten, dies gestalte sich jedoch relativ schwierig. Dennoch waren die meisten Teilnehmer der Meinung, dass eine intensivere Kooperation der unterschiedlichen Fachrichtungen für den Zugang UN Studies sinnvoll sei. Neben der Einbindung der insgesamt mittlerweile recht guten Zusammenarbeit zwischen der Rechts‐ und Politikwissenschaft an manchen Universitäten sei auch die Einbindung der Geschichtswissenschaft, der Verwaltungswissenschaft sowie der Wirtschaftswissenschaft grundsätzlich erstrebenswert. Dies forderte auch bereits Günther Unser. [15]

Bezüglich de Rolle des JUNON-Forschungskolloquiums wurde die Idee, die Forschungskolloquien jeweils an einer Universität mit einem laufenden UN-Forschungsprojekt stattfinden zu lassen, ausdrücklich begrüßt. Hier gäbe es für die Gastuniversitäten die Möglichkeit, UN-Forschungsprojekte den Teilnehmern der AG Forschung und Lehre vorzustellen und somit direkt mit der UN-Forschung und Projektverantwortlichen in Kontakt treten.

Text: Patrick Rosenow Korrektur: Gerrit Kurz

Fußnoten

  1. DGVN-Forschungsrat: http://www.dgvn.de/forschungsrat.html (aufgerufen am 19.07.2011).
  2. UN Studies Datenbank: http://dgvn.de/fileadmin/user_upload/PUBLIKATIONEN/UN-Studies_Project_Information.pdf (aufgerufen am 19.07.2011), Fragebogen: http://dgvn.de/un-studies2.html (aufgerufen am 19.07.2011).
  3. JUNON AG Forschung und Lehre: http://www.junges-uno-netzwerk.de/arbeitsgruppen/forschung-und-lehre/ (aufgerufen am 19.07.2011).
  4. Dissertationspreis des DGVN-Forschungsrates: http://www.dgvn.de/forschungsrat.html (aufgerufen am 19.07.2011).
  5. Forschungskreis Vereinte Nationen an der Universität Potsdam: http://www.forschungskreis-vereinte-nationen.de/ (aufgerufen am 19.07.2011).
  6. s.o. (aufgerufen am 19.07.2011).
  7. ACUNS 2008 Annual Meeting: http://www.die-gdi.de/CMS-Homepage/openwebcms3.nsf/%28ynDK_contentByKey%29/ADMR-7BEKHR?Open (aufgerufen am 19.07.2011).
  8. DGVN (Hg.): UNO-Forschung in Deutschland, Berlin 2006 (Blaue Reihe Nr. 95): http://www.dgvn.de/fileadmin/user_upload/PUBLIKATIONEN/Blaue_Reihe/BL_Reihe95.pdf (aufgerufen am 19.07.2011).
  9. Fröhlich, Manuel (Hg.): UN Studies. Umrisse eines Lehr- und Forschungsfeldes, Baden-Baden 2008.
  10. Volger, Helmut: Die Vereinten Nationen als Arbeitsgebiet für wissenschaftliche Bibliotheken in Deutschland. Plädoyer für den Aufbau einer zentralen Dokumentations- und Bibliographiestelle für die UN-Forschung, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 5/55, 2008, S. 272-277.
  11. Projekt “Theorie internationaler Organisationen und der Weltsicherheitsrat”: http://www.uni-bamberg.de/polib/forschung/unsc/entwurf/ (aufgerufen am 20.07.2011).
  12. Deutsche Stiftung Friedensforschung: http://www.bundesstiftung-friedensforschung.de/archiv/projektarten/kleinprojekte/zusammenfassungen/froehlich.html und Professur für Internationale Organisationen und Globalisierung: http://www.iog.uni‐jena.de/ (aufgerufen am 21.07.2011).
  13. Forschungsprojekt der Universität Konstanz, Prof. Dr. Wolfgang Seibel: Coping with the complex side of bureaucracy: http://www.polver.uni-konstanz.de/seibel/forschung/coping-with-the-complex-side-of-bureaucracy/ (aufgerufen am 21.07.2011).
  14. Institut für politische Wissenschaft; Prof. Dr. Johannes Varwick: http://www.polwiss.phil.uni-erlangen.de/professuren/sozialkunde/forschung/projekte.shtml (aufgerufen am 21.07.2011).
  15. Unser, Günther: Einige Arbeitshypothesen zur Entwicklung und zum Stand der UNO-Forschung in Deutschland, in: DGVN (Hg.): UNO-Forschung in Deutschland, Berlin 2006 (Blaue Reihe Nr. 95): http://www.dgvn.de/fileadmin/user_upload/PUBLIKATIONEN/Blaue_Reihe/BL_Reihe95.pdf (aufgerufen am 19.07.2011), S. 9-20, hier: S. 20.

One Response to Aktuelle UN-Forschungsprojekte in Deutschland – Institutionen, Beispiele, Trends und Kooperationsmöglichkeiten

  1. Friedrich says:

    Danke für den super Bericht!

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