Typische Fragestellungen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive

Gerrit Kurz

Prof. Dr. Andrea Liese, Inhaberin der Professur für Internationale Organisationen und Politikfelder an der Universität Potsdam und Mitglied des DGVN-Forschungsrates, zeigte beim Forschungskolloquium wichtige Instrumente, Überlegungen und Tipps für die Erstellung von sozialwissenschaftlichen Forschungsdesigns zur Erforschung der Vereinten Nationen auf. Dabei ging sie zunächst auf grundsätzliche Fragen zu Forschungsdesigns ein, bevor sie sich spezifischen übergreifenden Fragestellung der UN-Studies widmete.

Zu beachten ist stets, dass die Auswahl der (präzisen und beantwortbaren) Fragestellung auch Folgen für das Design hinsichtlich Untersuchungseinheit, Daten und Methodenauswahl hat. Typische Probleme, die einer Fragestellung zugrunde liegen, können dabei eine Neuheit, ein Skandal oder ein Rätsel (puzzle) sein, das sich aus empirischer oder theoretischer Hinsicht stellt. Weiterhin lassen sich aus der Kenntnis wissenschaftlicher Annahmen Vergleiche, Defekte und Lücken von Theorien zum Ausgangspunkt der Untersuchung machen. Häufig sind Fragestellungen in den UN-Studies sehr speziell und können daher möglicherweise nur auf einen geringen Forschungsstand in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand zurückblicken; allerdings sollte sich diese Perspektive deutlich weiten, wenn der größere theoretische Kontext, losgelöst vom konkreten Untersuchungsgegenstand Vereinte Nationen, berücksichtigt wird. Wie in anderen Bereichen der Sozialwissenschaften auch, führt die Beschäftigung mit abstrakten Zusammenhängen zu der Herausforderung, dass sich viele Variablen nicht messen lassen und über Indikatoren erhoben werden müssen. Wichtige Ausnahmen davon bilden finanzielle Beiträge an die Organisationen sowie das namentliche Abstimmungsverhalten, welche daher auch gern für quantitative Untersuchungen herangezogen werden. Zu selten kommt es jedoch zu Vergleichen über verschiedene Internationale Organisationen, Programme oder Abteilungen.

In einem zweiten Schritt sprach Andrea Liese vier übergreifende Fragestellungen in der UN Forschung an:

  • Zuerst ging sie auf die Erforschung des Wandels in Internationalen Organisationen ein. Zentrale Herausforderungen bei der Erforschung diachroner Veränderungen bzw. des Prozesses des Wandels selbst sind mehre mögliche sich widersprechende Erklärungen, die jedoch zum gleichen Ergebnis führen (Äquifinalitätsproblem), mehr Variablen als Fälle sowie das Problem des Zugangs zu Personen aus der Organisation, welche man zu Wandlungsprozessen befragen könnte. Das Ergebnis des Wandels ist meistens relativ gut beschreibbar, allerdings sind die Daten zu den erklärenden Variablen und entsprechenden Kausalmechanismen deutlich schwieriger zu erheben, hängen sie doch nicht zuletzt von intersubjektiven Wahrnehmungen und bürokratischen Prozessen in normalerweise der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Organisationseinheiten ab. Aus diesem Grund führt hier kaum ein Weg an einer eigenen Befragung durch Experteninterviews vorbei, mögliche Türöffner in eine Organisation können dabei jedoch deutsche Bedienstete dort bzw. Ministerialbeamte, Stiftungen, NGOs in Berlin sein, welche möglicherweise eine Verbindung herstellen können, oder ein eigener Forschungsaufenthalt. Der Veränderungsprozess selbst lässt sich prinzipiell gut mit einer Prozessanalyse untersuchen, allerdings tritt das Zugangs- und Ressourcenproblem angesichts der hohen Datenerfordernisse dieser Methode verstärkt auf. Sie eignet sich eigentlich erst für eine längere Monographie wie beispielsweise eine Dissertation.
  • Zweitens sprach Andrea Liese den Einfluss von Bürokratien als übergreifende Fragestellung an. Angesichts der Vielzahl an internationalen Sekretariaten und internationalen Beschäftigten in den Organisationen selbst, zielt hier das Augenmerk auf ihre Wirkung auf die Maßnahmen der Organisation. Dies ist insbesondere wegen der vorgeblichen Neutralität und Überparteilichkeit der Sekretariate sowie des Prinzipal-Agenten-Ansatzes von Interesse. Diese Forschung baut dabei auf dem bureaucratic turn in den Sozialwissenschaften in den letzten Jahren auf, in dem die Rolle von durch genaue Verfahren geprägter Organisationen auf ihre Mitgliedstaaten und das Handeln der Organisation selbst in den Blick geraten ist. Hier bietet sich eine Vorher-Nachher-Analyse, u.U. in Verbindung mit einer Prozessanalyse an, oder aber auch ein kontrafaktischer Zugang, durch den eine Art Nullhypothese gebildet wird und in einem Gedankenexperiment getestet wird, ob das beobachtbare Ergebnis auch ohne jeglichen bürokratischen Einfluss in dieser Form zustande gekommen wäre. Problematisch ist in jedem Fall die genaue Operationalisierung von „Einfluss“ und der Maßnahmen der Organisation (z.B. unterscheidbar nach output, outcome und impact). Die Datenlage ist hier in der Regel relativ gut, da sich zumindest der output einer Organisation gut über deren Dokumente nachvollziehen lässt. Kausalmechanismen müssten über standardisierte Befragungen oder Experteninterviews hergestellt werden. Herausforderungen bilden in jedem Fall jüngere Maßnahmen, bei denen noch kaum eine Wirkung festgestellt werden kann.
  • Eine weitere wichtige Forschungsfrage im Bereich der Erforschung Internationaler Organisationen sei der Zugang nichtstaatlicher Akteure im Politikprozess. Die Operationalisierung von „Zugang“ kann auf verschiedene Art und Weise geschehen, je nach Orientierung an formalen Kriterien bzw. der Akkreditierung, die Beteiligung an Projekten oder die Unterscheidung zwischen De-jure- und De-facto-Zugang. Dies kann dann jeweils noch nach der einzelnen Stufe im Politikprozess unterschieden werden, wobei es sich anbietet, bei einer Arbeit sich auf eine Stufe zu konzentrieren. Methodisch gesehen, kann man je nach Varianz die Methode wählen. Wenn man an der Untersuchung der Varianz zwischen Internationalen Organisationen interessiert ist, lässt sich das Politikfeld verändern. Alternativ ist auch der Vergleich verschiedener Typen von nichtstaatlichen Akteuren in einer Organisation bzw. generell der Vergleich über Zeit möglich. Formal liegen hier in der Regel sehr gute Daten vor (zumindest für registrierte NGOs). Eine Kongruenzanalyse ist hier gut machbar, allerdings stellt sich bei der Frage des Einflusses von nichtstaatlichen Akteuren wieder das bereits erwähnte Äquifinalitätsproblem.
  • Zuletzt lässt sich auch die Wirkung einzelner Maßnahmen und Programme von Internationalen Organisationen untersuchen. Auch hier ist eine Festlegung bzw. feine Unterscheidung der möglichen Dimensionen von „Effektivität“ wie der formale output (z.B. ein Workshop zum Kapazitätenaufbau im Bereich Rechtsstaatlichkeit) die Handlungen von Akteure beeinflusst (outcome) und inwieweit durch die Maßnahme das größere Problem (z.B. die Bekämpfung von Hunger) beeinflusst wird (impact). Generell bietet es sich hier an, mittels quantitativer Studien typische Fälle zu identifizieren, und dann eine Prozessanalyse oder ein qualitativer Vergleich im Sinne von John Stuart Mill (most similar oder most different) durchzuführen. Hier liegen in der Regel gute Makrodaten vor; allerdings ist es wieder wichtig, Kontrollen für alternative Erklärungen zu führen.

Insgesamt stehe die Erforschung der Vereinten Nationen vor bedeutsamen Herausforderungen, so Andrea Liese. Je nach Fragestellung und Forschungsinteresse ergeben sich Theoriestränge aus ganz unterschiedlichen Teilbereichen allein der Sozialwissenschaften (Vergleiche Regierungslehre, Internationale Beziehungen, Organisationsforschung, Außenpolitikanalyse). Es gibt relativ wenig Theorien mit mittlerer Reichweite, welche gut geeignet wären, um z.B. Varianzen zwischen einzelnen Organisationen zu erklären. Bei einer häufig nötigen Mehrebenenanalyse ist eine Fülle von Variablen relevant, die zu Datenproblemen führen können. In regelmäßig sehr speziellen Fragen darf nie in Vergessenheit geraten, nach der Untersuchungseinheit zu fragen mittels der Frage: „Wofür stehen die untersuchten Fälle im Untersuchungsgegenstand „Vereinten Nationen“ insgesamt?“ In jedem Fall sind die Vereinten Nationen eher als Forschungsgegenstand denn als eigenständige Forschungsdisziplin zu betrachten. Daher muss man sich auch nicht notwendig auf die UN beschränken, sondern kann die meisten theoretischen Werkzeuge auf Internationale Organisationen generell ausweiten. Es gibt noch viele Sonderorganisationen und Programme, die nur selten betrachtet werden – ein Umstand, der zu weiterer Forschung einlädt.

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *