New Patterns in UN Peacekeeping Missions – Why are poor countries at the forefront of personnel Peacekeeping Operations?

Urs Schrade

Einleitung

Der vorliegende Beitrag stellt ein Forschungsprojekt vor, dass ich im Rahmen einer Dissertation an der Universität Oldenburg durchführe. Im ersten Teil werde ich die zentrale Forschungsfrage benennen. Das Rätsel, aus dem diese hervorgeht, stelle ich voran. Anschliessend werde ich die Relevanz des Vorhabens begründen, Struktur und Ziele des Vorhabens vorstellen, sowie forschungsleitende Hypothesen und methodische Vorgehensweise ansprechen. Abschliessend werde ich versuchen, das Vorhaben im Feld der „UN Studies“ zu verorten.

A. Rätsel und zentrale Frage

Bangladesh, Pakistan, Indien, Nigeria, Ägypten, Nepal, Jordanien, Ruanda, Ghana und Uruguay. Diese Länder waren die zehn größten Personalsteller[1] für Peacekeeping-Missionen der Vereinten Nationen (UN) im Mai 2011.[2] Betrachtet man diese Staaten genauer, stellt man fest, dass es sich dabei – mit Ausnahme von Uruguay – um vergleichsweise arme Länder des globalen Südens handelt. Die aufgezählten Staaten des Mai 2011 stehen damit symptomatisch für ein Beteiligungsmuster das sich in UN-Friedenseinsätzen seit etwas mehr als zehn Jahren abzeichnet. Aus einer Vorstudie zu diesem Forschungsprojekt geht hervor, dass von den Top 20 personalstellenden Ländern der Jahre 2002 – 2009, jährlich 65 – 85 Prozent ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von weniger als 4000 US-Dollar haben und rund 60 Prozent südasiatischer, zentralasiatischer und afrikanischer Herkunft sind.[3]

Die Tatsache, dass arme Staaten des Südens die größten Personalsteller für UN-Friedenseinsätze sind, wirft aus politikwissenschaftlicher Sicht ein Rätsel auf. Die Bereitstellung von Friedenspersonal ist ein Akt, zu dem die Staaten der internationalen Gemeinschaft nicht verpflichtet sind. Deduziert man Beteiligungsmuster aus der verfügbaren theoretischen Literatur, die der Frage nachgeht, weshalb Staaten überhaupt in Friedenseinsätzen mitmachen, kommt man zu dem Schluss, dass eigentlich „starke“ westliche Demokratien die größten Personalsteller für UN-Friedenseinsätze sein müssten.

Wenngleich die theoretische Literatur zur Frage insgesamt überschaubar ist, wurde die Frage aus vielfältigen theoretischen Perspektiven untersucht. Analog zu dem die Internationalen Beziehungen prägenden Theoriepluralismus reicht die Bandbreite der Studien von Arbeiten, die in der Tradition der großen IB-Schulen Realismus und Liberalismus stehen, über Studien auf Grundlage der utilitaristischen Theorie der globalen öffentlichen Gütern, bis hin zu post-positivistischen Untersuchungen aus der Perspektive der kritischen Theorie.

Realistische Arbeiten argumentieren, dass das Entsendenden von UN-Friedenspersonal eine Form von power politics ist, von mächtigen Staaten durchgeführt, um Stärke zu demonstrieren und bestehende Machtstrukturen des internationalen Systems zu erhalten.[4] Entsprechend werden westliche Staaten, als große Personalgeber für UN-Friedenseinsätze erwartet. Auch Arbeiten aus der konkurrierenden theoretischen Schule des Liberalismus erwarten westliche Staaten als große Personalgeber. Diese Prognose wird mit der demokratischen Verfasstheit westlicher Staaten begründet. Es wird argumentiert, dass konsolidierte Demokratien in Friedenseinsätzen als legitimes Mittel zur Proliferation ihres Herrschaftssystem nutzen, da sie sich von einer zunehmenden Anzahl an Demokratien einen Rückgang globaler Sicherheitsbedrohungen erhoffen.[5] Aus Perspektive der Theorie der globalen öffentlichen Güter werden multilaterale Friedenseinsätze als internationale öffentliche Güter klassifiziert, die entsprechend Olson/Zeckhausers (1966) exploitation hypothesis von wohlhabenden Staaten bereitgestellt werden, wobei arme Staaten als free rider profitieren.[6] Auch hier werden westliche Staaten folglich an der Spitze personeller Peacekeeping Beteiligungen erwartet. Dieses Beteiligungsmuster wird schliesslich auch von post-positivistischen Arbeiten der kritischen Theorien prognostiziert. Hier werden UN-Friedenseinsätze als „forms of riot control directed against the unruly parts of the world to uphold the liberal peace“[7] betrachtet, geführt und maßgeblich getragen von reichen und mächtigen Staaten und Institutionen.

Der letzte Absatz verdeutlicht, dass derzeit bestehende theoretische Geltungsansprüche offensichtlich der empirisch nachweisbaren starken Beteiligung armer Staaten an UN-Friedenseinsätzen widersprechen – eine Situation die in der Politikwissenschaft als Rätsel bezeichnet wird. Dieses Promotionsvorhaben beansprucht, dieses Rätsel durch die systematische Entwicklung eines alternativen theoretischen Erklärungsmodells aufzulösen. Es stellt daher folgende forschungsleitende Frage:

 Aus welchen Gründen sind arme Staaten des Südens die größten Personalsteller für Friedensmissionen der Vereinten Nationen?

 B. Relevanz des Forschungsvorhabens

Eine gute politikwissenschaftliche Frage sollte zwei Kriterien erfüllen: Sie sollte einen spezifischen Beitrag zu Forschungsstand leisten. Zudem sollte Sie von aktueller Relevanz sein, das heißt, einen Bezug zu Themen und Problemstellungen der „realen“ politischen und sozialen Wirklichkeit aufweisen.[8]

Einer Arbeit, die beansprucht ein Rätsel aufzulösen, ist ein Beitrag zum Forschungsstand inhärent. Offensichtlich ist die existierende theoretische Literatur nicht in der Lage ein empirisches Phänomen zu erklären. Die (Sekundär-)Untersuchung zielt darauf ab, die Diskrepanz zwischen Empirie und Theorie zu lösen. In dieser Arbeit soll ein valides theoretisches Erklärungsmodell entwickelt werden, dass mit der überproportionalen Peacekeeping Beteiligung armer Staaten umgehen kann. Damit wird ein spezifischer Beitrag zur theoretischen Forschung um die Frage, weshalb Staaten Personal in UN- Friedenseinsätze entsenden, geleistet.

Das Vorhaben greift auch praktische Problemstellungen der UN-Friedenssicherung auf. Beispielsweise hat sich mit der Mandatierung einer Reihe personalintensiver Friedensmissionen seit 2003 der Bedarf an Peacekeeping-Personal in den letzten Jahren verdoppelt. Die UN sind derzeit nicht in der Lage, dieses Personal in ausreichender Anzahl von Mitgliedsstaaten zu werben. Denis Tull stellt diesbezüglich fest, dass die durchschnittliche Personalstärke aller UN-Missionen im Jahr 2010 mehr als 20% unter ihrer mandatierten Sollstärke lag.[9] Vor dem Hintergrund des dringenden Bedarfs an UN-Friedenssoldaten, scheint eine Forschungsarbeit zur Frage, aus welchen Gründen Staaten Friedenspersonal bereitstellen, ein fundamentales Problem der Praxis zu berühren.

 C. Ziele, forschungsleitende Hypothesen und Vorgehen

Das Vorhaben zielt darauf ab, die widersprüchlichen theoretische Geltungsansprüche und empirischen Beobachtungen bezüglich der personellen Beteiligung von Staaten an UN-Friedenseinsätzen aufzulösen. Dieses Unterfangen soll mittels der systematischen Entwicklung eines alternativen theoretischen Erklärungsmodells geleistet werden. Das Vorhaben wird dabei grundsätzlich von drei forschungsleitenden Hypothesen strukturiert:

1. Arme Staaten des Südens stellen Personal für UN-Friedensmissionen zur Verfügung, da sie sich davon direkte und indirekte finanzielle Vorteile versprechen.

2. Arme Staaten des Südens stellen Personal für UN-Friedensmissionen zur Verfügung, da sie sich davon einen Prestigegewinn im Internationalen System versprechen.

3. Arme Staaten des Südens stellen Personal für UN-Friedensmissionen zur Verfügung, um westliche Geberländer von schlechter Regierungsführung – im Speziellen von Verstößen gegen Menschenrechtsstandards – abzulenken.

Diese Hypothesen reflektieren die grundsätzliche Annahme, dass Staaten bei der Entsendung von Friedenspersonal Eigeninteressen verfolgen. Diese Annahme ist der existierenden theoretischen Literatur zum Sujet entlehnt. Unabhängig vom ontologischen und epistemologischen Zugang wird dort grundsätzlich davon ausgegangen, dass die Bereitschaft von Staaten, Personal für UN-Friedensmissionen zu stellen, in direkter Relation zum Mehrwert steht, den ein Staat aus der Beteiligung zieht. Weiter deduzieren sich die forschungsleitenden Hypothesen aus der Kombination genereller Erkenntnisse der IB-Literatur zu staatlichem Verhalten und Reflexionen über den Nutzen, den UN-Friedensmissionen speziell armen Staaten des Südens bieten könnten.[10]

Es ist vorgesehen, die Hypothesen quantitativ und qualitativ zu untersuchen. Zunächst soll die Plausibilität der einzelnen Hypothesen in einem breiteren Rahmen und unter Anwendung von statistischen Verfahren getestet werden. Dabei sollen auch alternative Erklärungen untersucht werden, die ebenfalls als Gründe für die überproportionale Personalentsendung armer Staaten des Süden in Frage kommen. Anschliessend soll eine qualitativ-komparative Untersuchung an zwei armen Staaten des Südens vorgenommen werden.

 D. Schlussbemerkung: Das Vorhabens im Feld der UN Studies

Dieser Beitrag wird vor dem Hintergrund einer Tagung zu UN Studies verfasst. Ich möchte abschliessend versuchen, das vorgestellte Vorhaben in diesem Forschungsfeld zu verorten. Dieses Unterfangen wird durch den Umstand erschwert, dass die Frage, was UN Studies sind und was sie beinhalten, nicht umfassend geklärt ist. Diese Unklarheit muss nicht als Problem verstanden werden, sie kann auch Aufforderung zur Klarifizierung des Forschungsfelds sein. Ich beginne daher mit einer kurzen Betrachtung von zwei wesentlichen Punkten, die nach meinem Ermessen Bestandteile von Forschungsarbeiten sein sollten, die sich den UN Studies zuordnen.

1. UN im Fokus. In Anlehnung an Henrike Paepcke bin ich der Ansicht, dass Arbeiten bzw. Vorhaben, die den UN Studies zuzuordnen sind, im Untersuchungsgegenstand einen klaren Fokus auf die UN bzw. einen bestimmten Bereich des UN Systems haben sollten.[11] Studien die die UN nur exemplarisch betrachten bzw. als Vehikel nutzen um allgemeine Thesen und Theorien zu überprüfen, sollten den UN Studies im engeren Sinne nicht zugeordnet werden. Dieser klare Fokus auf die UN ist wichtig – um das Forschungsfeld vor Zerfaserung zu schützen, aber auch um sich über einen einzigartigen Forschungsgegenstand als eigenständiges Forschungsfeld zu legitimieren.

2. Austausch zwischen Theorie und Praxis: Nach Manuel Fröhlich ist der Austausch zwischen Theorie und Praxis ein Kernbestand von UN Studies.[12] Diesen Kernbestand halte ich für notwendig. Die Relevanz erschliesst sich mir speziell aus normativer Perspektive. Aktuelle Problemstellungen für menschliches Zusammenleben von Wirtschaftsverflechtungen über Umweltschutz bis hin zu Sicherheitsbedrohungen durch transnationale sozio-ethnischen Konflikte oder Terrorismus erfahren zunehmend eine globale Dimension. Daher scheint eine globale Ordnungsinstanz zur überstaatlichen Regelung dieser Probleme unbedingt notwendig. Die UN haben als einzige internationale Institution Potential und Legitimität diese Ordnungsinstanz zu sein. Vor dem Hintergrund dieser fundamentalen Relevanz der Institution für menschliches Zusammenleben sollte eine Wahl dieses Forschungsgegenstandes immer auch die Optimierung desselben anstreben.

Mit Blick auf die beiden letztgenannten Kriterien passt sich das vorgestellte Vorhaben in das Forschungsfeld UN Studies ein. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht zwar staatliches Verhalten (warum entsenden Staaten Peacekeeper), dieses Verhaltens ist allerdings unmittelbar an einen Kernbereich der Vereinten Nationen geknüpft – Friedenssicherung mittels Peacekeeping-Interventionen. Es werden nicht primär generelle Erkenntnisse zu staatlichem Verhalten angestrebt, sondern Antworten auf die Frage, weshalb ein bestimmter Typ Staaten sich freiwillig und in großem Umfang an UN-Friedensmissionen beteiligt und welche Implikationen daraus hervorgehen. Mit Blick auf das zweite Kriterium sei auf Abschnitt B verwiesen. Dort wurde der „praktische“ Nutzen des Vorhabens angesprochen. Auch dieser konzentriert sich explizit auf die Vereinten Nationen. Es werden Erkenntnisse erwartet, die zur Optimierung des UN-Friedenssicherungssystems in unterschiedlichen Dimensionen beitragen können.


Fußnoten

[1]    In diesem Beitrag umfasst der Begriff Peacekeeping-Personal ausschliesslich Militär- und Polizeipersonal. Ziviles Personal wird nicht berücksichtigt.

[2]    Vgl. UNDPKO, Ranking of Military and Police Contributions to UN Operations, May 2011. http://www.un.org/en/peacekeeping/contributors/2011/may11_2.pdf.

[3]    Dieses Ergebnis deckt sich weitgehend mit den Resultaten der wenigen, anderen verfügbaren Arbeiten, die die Beteiligungsmuster in UN- Friedenseinsätzen über einen größeren Zeitraum empirisch aufarbeiten – beispielsweise Donald Daniel, Patricia Taft und Sharon Wiharta (Eds.), Peace Operations: Trends, Progress, and Prospects. Washington D.C. 2008.

[4]    Für die Position des Realismus sei hier exemplarisch auf Laura Neack, UN- Peacekeeping: In the Interest of the Community or Self?, in: Journal of Peace Research 32(2)/1995, S. 181-196 verwiesen.

[5]    Für die Position des Liberalismus sei hier exemplarisch auf Andreas Anderson, Democracies and UN- Peacekeeping Operations. in: International Peacekeping, 7(2)/2000, S. 1-22 verwiesen.

[6]    Für eine Argumentation aus Perspektive der Theorie der öffentlichen Güter sei hier exemplarisch auf Hirofumi Shimizu und Todd Sandler, Peacekeeping and Burden-Sharing. 1994-2000, in: Journal of Peace Research, 39(6)/2002, S. 651-668 verwiesen.

[7]    Michael Pugh, Peacekeeping and Critical Theory, in: International Peacekeeping, 11(1)/2004, S. 39. Auf diese Arbeit sei hier zudem als Beispiel für eine Argumentation aus Perspektive der kritischen Theorie angeführt.

[8]    Vgl. z.B. Gary King, Robert O. Keohane und Sydney Verba, Designing Social Inquiry. Scientific Inference in Qualitative Research, Princeton 1994.

[9]    Denis M. Tull, Die Peacekeeping-Krise der Vereinten Nationen – Ein Überblick über die Debatte, in: SWP-Sudie. S 1/2010, S 6.

[10]  Dabei werden auch Einsichten aus Einzelfallstudien berücksichtigt, dass das spezifische Peacekeeping-Verhalten einzelner Staaten oder Regionen des globalen Südens untersuchen. Beispielsweise Jonah Victor, African Peacekeeping in Africa: Warlord politics, defense economics, and State Legitimacy, in: Journal of Peace Research, 47(2)/2010, S. 217-229.

[11]  Vgl. Henrike Paepcke, UN Studies – Herausforderungen eines neuen Forschungsfeldes, Beitrag zum JUNON-Forschungskolloquium, 17. Juni 2011.

[12]  Vgl. Manuel Fröhlich, UN Studies: Eckpunkte eines Programms zur Beschäftigung mit Institution und den Aufgaben der Weltorganisation, in: Manuel Fröhlich (Ed.), UN Studies. Umrisse eines Lehr- und Forschungsfeldes,  Baden-Baden 2008.

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