Diskussion

Gerrit Kurtz

Eingrenzung und zentrale Fragestellungen

Die Diskussion über „UN Studies“ hängt im Wesentlichen von der Frage nach der Definition des eigentlichen Forschungsfelds ab. Ist es eine eigene Disziplin, wie von UNSA gefordert, oder ist es vielmehr ein Forschungsgegenstand und damit eine quer zu theoretischen Fragestellungen liegende, vor allem empirische Perspektive?

Die Teilnehmer_innen des Forschungskolloquiums konnten sich relativ gut darauf verständigen, dass es wenig gerechtfertigt scheint, von einer eigenen Disziplin mit eigenen Methoden und Theorien zu sprechen, die z.B. auf andere Internationale Organisationen nicht zuträfen. Das verbindende Element zwischen verschiedenen Forschungsarbeiten zu den Vereinten Nationen kann daher nur der empirische Forschungsgegenstand sein, zumal die jeweiligen Disziplinen mit ihren Methoden und Theorien an diesen herantreten. Einen Politikwissenschaftler interessieren in der Regel ganz andere Fragen als eine Rechtswissenschaftlerin, die sich wiederum stark von denjenigen Fragen eines Wirtschaftswissenschaftlers unterscheiden. Wenn sich jedoch bereits die Fragen unterscheiden, werden die Antworten dies erst recht tun.

Die Vereinten Nationen als Untersuchungsgegenstand können als alle Institutionen, Aufgaben, Akteure, Prozesse und Normen im System der Vereinten Nationen verstanden werden. Dies schließt explizit auch Programme, Sonderorganisationen sowie nur „verwandte“ Organisationen wie die internationalen Finanzinstitutionen oder autonome Organisationen mit speziellem Verhältnis zu den Vereinten Nationen wie die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) ein. Institutionen meint hier alle organisierten Formen kollektiver Willensbildung und Entscheidungsdurchsetzung, ob sie durch formelle Vereinbarung zustande gekommen sind, auf abgeleiteten Beschlüssen beruhen (Unterorgane) oder rein informelle Zusammenkünfte sind. Normen beziehen sich auf Standards für angemessenes Verhalten für Akteure einer gegebenen Identität [1], unabhängig von ihrer rechtlichen Bindewirkung und dem Verfahren ihres Zustandekommens, solange sie zumindest implizit von den Normadressaten als auf die Regulierung von Verhalten abzielend betrachtet werden. Aufgaben stehen für die inhaltliche Dimension der Institutionen, also Erwartungen an bestimmte Verhaltensweisen in einer gegebenen Tiefe und Breite eines Politikfelds als auch deren konkrete Ausgestaltung, Anwendung und Überprüfung mit den von außen oder intern geäußerten Erwartungen. Akteure beziehen sich auf eine individualisierte Betrachtung der Träger von politischen Prozessen. Prozesse schließlich sind Verfahren und Abläufe, welche sich auf die Bearbeitung von Aufgaben im Zusammenhang von Institutionen oder Normen beziehen.

Weiterhin muss, je nach Forschungsinteresse, unterschieden werden, ob diese vier Elemente selbst erklärt werden sollen (als abhängige Variable), zur Erklärung anderer Phänomene dienen sollen (als unabhängige Variable) oder lediglich intervenierende Variablen bzw. Kontextbedingungen einer Untersuchung ausmachen. Selbstverständlich kann es dabei keine Festlegung auf eine bestimmte wissenschaftstheoretische Grundausrichtung geben, sodass diese Kategorisierung nur zur Orientierung dienen kann. Natürlich sind Fragen nach den Möglichkeitsbedingungen dieser Elemente oder deren diskursiver Prägung ebenfalls möglich.

Schließlich ist nicht nur eine theoretische Relevanz wichtig, sondern es sollte stets auch nach den praktischen Implikationen für die Zukunft von Global Governance gefragt werden.

[1]: S. Finnemore, Martha/Sikkink, Kathryn (1998): International Norm Dynamics and Political Change. International Organization 52 (4): 887-917, hier: 891.

Die Herausforderungen im Bereich der UN Studies

Wie bereits an der ausführlichen Eingrenzung des Gegenstands der UN Studies deutlich wird, besteht eine der größten Herausforderungen in einer gemeinsamen Definition. Bislang bedeuten „UN Studies“ verschiedene Dinge für verschiedene Forscher. Wie bei jeder wirklich interdisziplinären Forschung muss eine gemeinsame Sprache gefunden werden, die Grundlage für eine sinnvolle Verständigung ist. Gleichzeitig besteht ein Großteil der derzeitigen Forschung aus relativ stark fragmentierten Einzelteilen, die jedoch zu selten aufeinander bezogen werden, insbesondere über disziplinäre Grenzen hinweg. Dies hat auch damit zu tun, dass sich nicht jeder Forscher bewusst ist, UN Studies zu betreiben. Umso wichtiger erscheint eine Systematisierung bisheriger Erkenntnisse und ein Rückbezug auf übergeordnete Trends und Entwicklungen im Bereich Vereinte Nationen.

Ein erheblicher Teil der früheren (und z.T. auch noch aktuellen) Beschäftigung mit den Vereinten Nationen bewegt sich auf einer stark deskriptiven und institutionenkundlichen Ebene: wer stimmt wie ab, welche Aufgaben haben bestimmte Kommissionen und Organe, welche Resolutionen wurden zu einem bestimmten Thema beschlossen etc. All diesen Herausforderungen muss in der weiteren Forschung und Entwicklung mit UN Studies begegnet werden.

Ideen für die Lehre und Forschung in UN Studies

Die deutsche Diskussion zu UN Studies hat sich stark mit den Möglichkeiten für die Lehre beschäftigt, ein Thema, das auch vom Forschungskolloquium diskutiert wurde. Ein möglicher Studiengang „UN Studies“, der interdisziplinär gestaltet ist, macht aus der Sicht der Teilnehmer_innnen nur als Graduiertenstudiengang zum Erwerb eines Masterabschlusses Sinn. Denn um sich in diesen doch bereits recht speziellen Bereich gut einfinden zu können, ist immer noch die Verortung in wenigstens einer Disziplin nötig, deren theoretisches Werkzeug sich auf diesen Bereich beziehen lässt. Auf diese Weise wird auch sicher gestellt, dass eine Anschlussfähigkeit gegenüber breiteren Fragestellungen erhalten bleibt.

Bei einem Studiengang, der Elemente aus Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften sowie evtl. weiteren Disziplinen enthalten soll, besteht die Möglichkeit, nur an der jeweiligen Oberfläche zu kratzen, ohne jemals in die theoretische Tiefe einsteigen zu können. Allerdings ergibt sich dieses Problem bei jedem interdisziplinären Studiengang, weswegen eine gewisse Schwerpunktsetzung und persönliche disziplinäre Verortung wichtig ist. Natürlich ist es nicht einfach, die nötige Expertise in den verschiedenen Disziplinen an einem Ort zu vereinen, weshalb eine Kooperation zwischen verschiedenen (deutschen oder internationalen) Universitäten einen möglichen Ausweg bieten kann, auch wenn solche Kooperationen nie leicht angebahnt werden.

Bliebe noch zu fragen, warum solch ein Studiengang überhaupt gewählt werden sollte? Grundsätzlich sollte die interdisziplinäre und multithematische Ausrichtung eine Sprechfähigkeit gegenüber den wichtigsten Aufgabengebieten der Vereinten Nationen ermöglichen. Weiterhin dient er dazu, die spezifischen Prozesse in internationalen Organisationen zu verstehen und damit auch deren Ergebnisse, also konkretes politisches Handeln, besser einschätzen zu können. Solch eine Beschäftigung ist jedoch nicht notwendigerweise relevant für die Praxis in Institutionen des UN Systems, gilt doch häufig, dass solches Kontextwissen zwar nützlich sein kann, entscheidend aber disziplinär verortete Fähigkeiten sind. Dies müsste ein Studiengang „UN Studies“ dennoch leisten können, indem er beispielsweise eine Praxisphase enthält.

Hinsichtlich der Forschung wäre ein eigenes Forschungszentrum für die Vereinten Nationen in Deutschland oder Europa erstrebenswert, da gerade auch die physische Nähe von zu ähnlichen Fragestellungen forschenden Wissenschaftlern Synergieeffekte birgt. Angesichts der derzeitigen Kapazitäten würde es sich aber vermutlich vor allem aus Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft zusammensetzen, so dass möglicherweise andere Disziplinen vernachlässigt würden. Eine andere, etwas weniger anspruchsvolle, aber immer noch spannende Möglichkeit sind Forschungsprojekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF), die von mehreren Wissenschaftlern zu einer übergreifenden Fragestellung aus den UN Studies beantragt werden können.

Solche großen Projekte wie ein eigener Studiengang oder ein Forschungszentrum sind aber gar nicht immer nötig, um einen vernünftigen Austausch anzustoßen. Dies können auch schon kleinere, zeitlich viel stärker begrenzte Veranstaltungen leisten. Gegen die Vereinzelung in der Wissenschaft helfen Institutionen, die Interessierte zu speziellen Fragen zusammenbringen können, z.B. bei Tagungen, Sommerakademien und Konferenzen. Dabei zeigt die Erfahrung des Forschungskolloquiums, dass gerade kleinere Veranstaltungen eher zum persönlichen Austausch einladen. Weiterhin lohnt es sich, einen fruchtbaren Dialog zwischen Wissenschaftlern und Beschäftigten im UN System sowie angrenzenden Organisationen wie NGOs oder diplomatischen Vertretungen aufzubauen, wie er auch von ACUNS verfolgt wird. Das JUNON-Forschungskolloquium möchte in diesem Sinne einen ersten Kristallisationspunkt zumindest im deutschsprachigen Gebiet bieten und zu weitergehendem Austausch und zu wissenschaftlicher Zusammenarbeit anregen.

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