Einführung: Mensch und Individuum in den VN

Das 2. JUNON Forschungskolloquium steht unter dem Oberthema „Mensch und Individuum in den Vereinten Nationen“. Der Titel soll zwei Perspektiven der aktuellen Forschung zu den Vereinten Nationen (VN) umreißen: einerseits die Beschäftigung mit dem Menschen als  Bezugspunkt politischer Konzepte und andererseits den Einfluss von individuellen Akteuren in den VN. Die folgenden Anmerkungen sollen das Thema näher beschreiben und mögliche Fragestellungen aufwerfen. Daneben sind auf dem Kolloquium natürlich auch Arbeiten zu anderen Themen aus dem Bereich der UN Studies willkommen.

 In den vergangenen Jahrzehnten ist der einzelne Mensch immer stärker in den Fokus des Völkerrechts und der Arbeit der Vereinten Nationen gerückt. Mit einer steigenden Zahl menschenrechtlicher Verträge, die teilweise mit Individualbeschwerdeverfahren ausgestattet sind, ist heute anerkannt, dass dem Einzelnen als Teil der Völkerrechtsgemeinschaft Rechte und Pflichten zukommen. Dies zeigt sich auch in der Entwicklung des Völkerstrafrechts. Nach Inkrafttreten des Rom-Statuts steht mit dem Internationalen Strafgerichtshof eine Institution zur Verfügung, die international geächtete Verbrechen Einzelner unter Strafe stellt. Das Rom-Statut nimmt darüber hinaus die Belange der Opfer in den Blick und gewährt dem Einzelnen ein Recht auf Teilhabe am Prozess.

 Die Relevanz des einzelnen Menschen zeigt sich auch in der reformierten Sanktionspraxis der 1990er Jahre, die nicht mehr ganze Volkswirtschaften, sondern mit gezielten Maßnahmen individuelle Akteure in den Blick nehmen, durch so genannte „smart sanctions“. Gleichwohl scheint es angesichts weitreichender Embargos der EU gegen Syrien und den Iran in jüngster Zeit eine Renaissance des umfassenden Sanktionsansatzes zu geben.

Auch das Entwicklungsprogramm hat bereits 1994 durch die Prägung des Begriffs der menschlichen Sicherheit ein auf den Einzelnen zentriertes Konzept eingeführt, welches sich vom Bild der Sicherheit der Staaten radikal abwendet. Seit 2000 versammeln die Millenniumentwicklungsziele (MDGs) erstmals messbare, auf den Einzelnen bezogene Zielmarken der gesamten internationalen Gemeinschaft.

Mögliche Fragen, die wir im Rahmen des Kolloquiums diskutieren wollen, beschäftigen sich mit der Herausbildung, Bedeutung und Wirkung dieser Konzepte. Wie ist es zu einem Umdenken gekommen? Welchen Unterschied macht der Fokus auf das Individuum anstelle eines Staates als Bezugspunkt der Vereinten Nationen? Gibt es bei anderen Programmen und Sonderorganisationen der Vereinten Nationen ähnliche Entwicklungen? Welche Chancen und Probleme, welche neuen Optionen und welche Blockaden ergeben sich daraus?

Als zweiten Aspekt möchten wir die Rolle und Handlungsspielräume individueller Akteure in den Vereinten Nationen beleuchten. Am prominentesten ist sicherlich die Person des Generalsekretärs, der sowohl die VN als Ganzes und ihre Werte repräsentiert, aber auch individuelle Akzente in seiner Amtszeit setzt (siehe). Die Entwicklung neuer Konzepte und deren effektive Umsetzung lebt von den Ideen und Persönlichkeiten einzelner Akteure wie  beispielsweise UN-Botschafter_innen, Sekretariatsangehörigen oder Sondergesandten. Ihr Handeln treibt weltweite Veränderungsprozesse voran und prägt die konkrete Ausführung abstrakter Regeln, Prinzipien und Konzepte. Im hierarchisch geprägten System der VN bringen sich unterschiedliche Akteure ein und prägen das Bild der Organisation. Individuen können als Normunternehmer dabei auch einen Wandel von allgemein anerkannten Normen anstoßen oder beeinflussen.

Fragen, die sich mit dem Individuum in den Vereinten Nationen beschäftigen, könnten für das Kolloquium u.a. folgende sein: Welche Durchsetzungschancen haben Individuen zwischen Interessenkonflikten der Regierungen wichtiger UN-Mitgliedsstaaten? Welche Handlungsspielräume bietet die Bürokratie der VN? Inwieweit können der Generalsekretär und andere führende Akteure ihre Entscheidungen frei bestimmen und ihr Amt selbstbestimmt prägen? Wie schaffen es Einzelpersonen durch die konsequente Verfolgung einer politischen Agenda, als Normunternehmer aufzutreten und diskursive Führungskraft auszuüben? Wie tragen Persönlichkeitsmerkmale und kommunikatives Handeln Einzelner möglicherweise zur Legitimation einer bestimmten Agenda bei?

Der Einfluss individueller Akteure lässt sich häufig – auch aufgrund der komplexen Strukturen der VN – nicht im Einzelnen nachweisen. Die Beschäftigung mit „Mensch und Individuum im System der VN“ wirft daher auch methodische Fragen auf: Wie lassen sich individuelle Handlungsspielräume systematisch vermessen? Wie können Persönlichkeitsprägungen und deren Einfluss überhaupt methodisch transparent untersucht werden? Was sind Merkmale für den Erfolg von Normenunternehmern?

Das Kolloquium beschäftigt sich durch den Fokus auf Mensch und Individuum mit einem bislang vernachlässigten Themenfeld der VN-Forschung. Wir möchten gerade Studierenden und Nachwuchswissenschaftler_innen Anregungen geben, sich mit neuen Fragestellungen und Themen im Feld der Vereinten Nationen auseinanderzusetzen und auf innovative Art und Weise zu bearbeiten. Wir freuen uns daher sehr auf Eure Zusendungen.

Literaturempfehlungen:
Fabrizio Hochschild (2010): In and above Conflict. Leadership in the UN, Geneva: Centre for Humanitarian Dialogue, July, online abrufbar unter http://www.hdcentre.org/files/finaldraft.pdf
Cox, Robert W. (1969): Executive Head – Essay on Leadership in International Organization. International Organization 23 (2):205-230.