Abschlussdiskussion

Das Individuum und die Vereinten Nationen – Ausgangspunkt für anregende Diskussionen

Hannah Birkenkötter

In der Abschlussdiskussion wurden verschiedene Punkte der vorgestellten Arbeiten aufgegriffen und der Versuch einer Verbindung und eines übergeordneten Fazits der Diskussionen um die Rolle und Stellung des Individuums in den Vereinten Nationen unternommen. Dabei kristallisierten sich zwei Fragestellungen heraus: Welcher Zusammenhang besteht zwischen den beiden durch das Kolloquium behandelten Themenkomplexen, also dem Menschen als Bezugspunkt politischer und rechtlicher Konzepte einerseits und dem Individuum als handelnden Akteur andererseits? Welchen Mehrwert bringt ein Oberthema, das nicht ein etabliertes Politikfeld behandelt, sondern vielmehr als Querschnittsthema versucht, verschiedene Ansätze zu vereinen?

Während die Konferenzpapiere Brücken zwischen den beiden Säulen des Themas nur am Rande erscheinen ließen, gab es abschließend dazu noch einige Ideen. So könnte man sich dezidiert die Rolle von Akteuren anschauen, welche auf den einzelnen Menschen fokussierte Konzepte und Regeln prägen und anwenden. Dies gilt beispielsweise für den Chefankläger beim Internationalen Strafgerichtshof oder die abweichenden Meinungen von Richter_innen an internationalen Gerichten allgemein. Nicht zuletzt stellen sich Fragen der Legitimität einzelner Personen, für bestimmte Gruppen zu sprechen oder einen bestimmten Einfluss auszuüben. Hier wäre zu untersuchen, wie sich ein Rückfall in „big man politics“ verhindern ließe und welchen Einfluss Individuen gerade in Krisenzeiten ausüben können.

Im Wissenschaftsdiskurs wird vermehrt auf Interdisziplinarität gesetzt. Dabei haben viele Teilnehmer_innen in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass bei politikfeldbezogenen Themen wie Friedenssicherung, Entwicklung oder Umwelt zumeist unterschiedliche Disziplinen, insbesondere die Politik- und die Rechtswissenschaften, lediglich nebeneinander stehen anstatt einen gemeinsamen Ansatz zu entwickeln. Die Wahl eines Bezugspunkts, der außerhalb der etablierten Politikfelder liegt, zeigt deutlich mehr Zugangsmöglichkeiten auf als erwartet und lässt zu, dass unterschiedliche methodologische Zugänge ernsthaft miteinander verglichen statt nur nacheinander abgearbeitet werden. Außerdem wird ein bislang eher unterrepräsentiertes Thema in den Vordergrund gerückt. Die Vereinten Nationen insgesamt stellen einen für die unterschiedlichen Disziplinen interessanten Forschungsgegenstand dar und erlauben, diesen mit unterschiedlichen Methoden zu untersuchen.

Zugleich ist die Offenheit eines solchen Themas auch mit Risiken verbunden. Interdisziplinäre Forschung birgt immer die Problematik unterschiedlicher terminologischer und methodologischer Ausgangspunkte, die mitunter weniger zu einem Miteinander als zu einem Nebeneinander führen. Deswegen sollte vor allem auch in Zukunft darauf geachtet werden, nicht zu viele und zu disparate Disziplinen zu verknüpfen. Dies trifft teilweise auch auf das gewählte Thema des diesjährigen Forschungskolloquiums zu. Denn während sich Verbindungen schlagen lassen, so sind doch beide Themenkomplexe bereits durch ihren methodologischen Zugang bis zu einem gewissen Grad inkommensurabel. Konzepte lassen sich beispielsweise mittels diskursiver und interpretativer Techniken analysieren, während die Erforschung der Rolle des individuellen Akteurs auf Methoden der politischen Psychologie verweist, wie z.B. die Leadership Trait Analysis. Dennoch lohnt die Zusammenstellung beider Perspektiven, weil sie ein holistischeres Verständnis der Rolle des Menschen in den Vereinten Nationen erlaubt.

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